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Hochwasser am Mittelrhein

Das Flussregime des Rheins, die Großwetterlagen und der Klimawandel




Klimawandel am Rhein (Fortsetzung)



Aktueller Klimawandel



B. Prognostizierte Zunahme von Sommertrockenheit und Niedrigwasser


"Die kombinierte Auswertung historischer Trocken- und Niedrigwasserperioden und der Großwetterlagen zeigte, dass die GWL "Hochdruckbrücke Mitteleuropa (BM)" durch lang andauernde, zusammenhängende BM-Perioden an allen ausgeprägten Trockenperioden im Sommer (JJA) bzw. in den Vegetationsperioden (April-Sept.) maßgeblich beteiligt war." [Hans J. Caspary 2010]
Im Vergleich zur Zeit vor 1985 habe sich die Wahrscheinlichkeit eines trocken-heißen Sommers vervierfacht.


Mit dem Wasserhaushaltsmodell LARSIM wurde bislang eine Auswertung von 121 Pegeln in Baden-Württemberg, Nord-Bayern und im Einzugsgebiet der Nahe vorgenommen, womit eine Einschätzung des Niedrigwasser-Risikos versucht wurde [Jürgen Ihringer 2010].

Beim Mittleren Niedrigwasserabfluss des Sommer-Halbjahres MNQ(So) waren deutliche Abnahmen an nahezu allen Standorten festzustellen.- Eine Abweichung hiervon stellt das Einzugsgebiet der Nahe in Rheinland-Pfalz dar mit deutlichen Zunahmen der Abflüsse (besonders an der Glan). Dies ist wohl auf den geografisch bedingten Einfluss zyklonaler Westwindlagen zurückzuführen.

Besonders auffällig ist die Abnahme der Niedrigwasserabflüsse im Sommer am Hochrhein und am südlichen Oberrhein (wobei letzteres durch eine deutliche Abnahme der Niedrigwasserabflüsse im Schwarzwald erklärbar ist).
Nach der Klimasimulation WETTREG-2006/A1B ist besonders das Einzugsgebiet des Neckars von einer großen Abnahme der Sommerniederschläge (> 10 %) betroffen.


Beim 10-jährlichen Niedrigwasserabfluss (NQ10) ergebe sich im Mittel aller Standorte eine Abnahme von 10 %. - Die Dauer der Niedrigwasserperioden verlängerte sich nicht an allen Standorten, doch ist die zukünftige Veränderung der Dauer von Niedrigwasserperioden bezogen auf den Ist-Zustand extrem ausgeprägt, sie steigt nämlich im Mittel um 71 % an. [Jürgen Ihringer 2010]


Frühjahrs-Niedrigwasser 2011 bei Bad Breisig


Eine durch allgemeine atmosphärische Erwärmung verringerte Wasserbindung in Eis und Schnee führt nicht nur zu Winterhochwassern, sondern hat auch im Frühjahr und Sommer durch Mangel an Schmelzwasser negative Auswirkungen auf den Gewässerhaushalt.
Wenn in Deutschland die Ausdehnung der Niedrigwasser-Perioden lediglich Auswirkungen auf die Schiffahrt hat, so mag sie in anderen Ländern zum Zusammenbruch der Bewässerungs-Landwirtschaft führen!


Die Schneerücklagen der Alpen sollen den Rhein normalerweise bis in den Juni herein ausreichend mit Wasser versorgen, waren 2011 aber schon im Januar abgeschmolzen [Sabrina Gerber, www.rp-online.de, am 26.05.2011].




Sommerhochwasser an der Elbe






Sonderfall Elbe-Hochwasser 2002

Abweichend von den oben getroffenen Feststellungen kam es schon im Juli 1997 (also im Sommer) zu einem starken Hochwasser an Oder und Weichsel und auch im Hochsommer 2002 wurde die Elbe unvorbereitet durch ein Überschwemmungs-Inferno heimgesucht.

Diese Ereignisse werden mit einer sog. Vb-Zugbahn in Verbindung gebracht: dabei wird ein Tief aus dem Nordwesten nach Süden ins nördliche Mittelmeer abgelenkt, nimmt dort schwül-heisse Luft auf und wandert unter Konvektion über die Ostalpen nach Norden (über die erwähnte "fünf B"-Zugbahn).


Schon Anfang August 2002 verursachte eine Tiefdruckzelle in Russland, SO-Europa und dem Alpenraum sintflutartige Regenfälle.
Daraufhin wurde von dem Hochdruckgebiet in SW-Europa ein weiteres Tief aus Island abgeschnürt, das Mittelmeer-Feuchtigkeit aufnahm.
Meteosat-7 - Aufnahmen vom 11.8.2002 zeigen den Wasserdampf-Transport aus dem Mittelmeerraum in einem Wirbel, der über Illyrien und die Ostalpen führt und in SO-Mitteleuropa großräumig eine Aufgleit-Bewölkung hervorruft [A. Philipp/ J. Jacobeit 2003].

Das Tief führte feuchte Mittelmeerluft von Süden heran und wurde weiter nördlich durch Hochdruckgebiete im W und NO stationär gehalten, so dass es sich über Sachsen abregnete. Am 12.8. und später kam es zu Rekord-Niederschlägen (bei Dresden 312 mm); mancherorts fiel in wenigen Tagen die mehrfache Regenmenge eines ganzen Monats.
Die vorherigen Regenfälle hatten schon eine totale Wassersättigung des Bodens verursacht. Die Niederschlags-Abflüsse führten zu Dammbrüchen und verheerenden Überschwemmungen im gesamten Einzugsgebiet der Elbe.


So kam es in einem Hochsommer zu der sonst nicht allzu seltenen Anomalie eines Tiefdruck-Gebietes über dem nördlichen Mittelmeer mit einem Hoch über Nord-Europa, die normalerweise in Frühjahr und Herbst auftritt. - Doch handelt es sich um eine Klima-Anomalie, die auch in den Folgejahren ziemlich regelmäßig zu Überschwemmungen an der Elbe geführt hat!






Niedrigwasser im April-Mai 2011



Niedrige Wasserstände treten normalerweise erst von August bis November auf (vgl. Abfluss-Diagramm)].

Das außergewöhnliche Frühjahrs-Niedrigwasser von 2011 wird mit dem Fehlen einer Schneeschmelze in den Alpen in Verbindung gebracht, weil die Winter-Niederschläge überwiegend als Regen fielen. Hinzu kam der Mangel an Niederschlägen über eine Periode von mehreren Wochen.


Eine solche Klima- und Witterungssituation lässt sich auch am Wasserstand des Bodensees ablesen, der nicht nur in diesem Frühjahr, sondern auch schon 1996 und 2003 auf extrem niedrige Wasserstände abfiel [Wolfgang Messner in: Stuttgarter Zeitung, am 25.05.2011].



einige Pegeldaten 2011


In Worms sank der Pegel schon Ende April unter 70 cm, also auf etwa ein Zehntel der Hochwassermarke, und näherte sich Ende Mai 60 cm.
In Oberwinter rutschte der Pegel am 29.5. unter 60 cm, also auf etwa 8,5 % der Hochwassermarke.
Der Pegel in Emmerich befand sich schon Ende April unter 90 cm, doch am 31.5. sank er auf sage und schreibe nur noch 56 cm, das sind etwa 6,7 % der Hochwassermarke.


Düsseldorf:
Der Rheinpegel in Düsseldorf lag am 26. Mai "bei gerade einmal 106 cm", das Abfluss-Volumen bei "964 m pro Sekunde". Die Abflussmenge sei für Niedrigwasser zwar normal, die Jahreszeit für das Niedrigwasser aber nicht. [Sabrina Gerber, www.rp-online.de, am 26.05.2011]

Vier Tage später sank die Wasserhöhe bis auf 77 cm; allerdings war der Pegel in Düsseldorf im Jahre 2003 zu einer weiter fortgeschrittenen Jahreszeit sogar auf 40 cm abgefallen. [Gerhard Voogt, www.rp-online.de, am 31.05.2011]


Wieder etwas Zulauf nach seinem Niedrigststand Ende Mai erhielt der Rhein in den ersten Junitagen 2011 während einer Gewitterperiode mit sehr hohen Regenmengen, die dann auch zu sichtbarem Bodenabtrag führten.



Gefahren für die Schifffahrt


Die Koblenzer "Rhein-Zeitung" dokumentierte die Gefahren für die Schiffahrt durch Niedrigwasser mit Fotos von den gefährlichen Felsen und Untiefen an der Loreley und an den Sieben Jungfrauen bei Oberwesel.


Da die Fahrrinne verschmälert wird, sollte eigentlich in ihr ein großes Gedränge entstehen; bei Niedrigwasser ist davon allerdings nicht viel zu sehen, denn viele Schiffe bleiben zuhause - sie können ohnehin nur wenig Ladung aufnehmen, weil sie sonst das Risiko eingehen, auf Grund zu laufen.

Immerhin gibt es als Anreiz, trotzdem zu fahren, den sogenannten Kleinwasserzuschlag: Der Auftraggeber zahlt für den aufwändigeren Transport der Güter mehr als bei normalem Wasserstand.

Neben den Einbußen beim Gütertransport entstehen auch Einbußen in der Personenschifffahrt - und das in der Hochsaison ... Die Ausflugsdampfer konnten im Frühjahr 2011 einige Anlegestellen nicht mehr anfahren.


Der Untere Mittelrhein Ende April 2011


Es kam auch zu Grundberührungen:
Ein Tankschiff aus den Niederlanden ist am 26. Mai vor der Einfahrt zum Neusser Hafen auf Grund gelaufen, wobei einer von sechs Tanks leckschlug: "Die ausgelaufende und im Hafenbecken III mit den Schwimmsperren zusammengehaltene Dieselmenge wurde mit Vliesmatten aufgesogen ... Den Ölfilm mit einer Spezialpumpe oberflächlich abzusaugen war keine Option. 15 Meter Höhenunterschied zwischen Wasserlinie und Hafenmauer waren für sie unüberwindlich." [Christoph Kleinau, www.ngz-online.de, am 27.05.2011]
Ein Tag nach dem Tankerunglück wurde ein Schubverband auf Grund gesetzt, der dann die Düsseldorfer Hafenausfahrt blockierte [www.ngz-online.de, am 31.05.2011].



Gefahren für die Gewässerökologie


Nicht nur durch die Klimaerwärmung, sondern auch durch niedrige Wasserstände ist eine flächendeckende Erhöhung der Gewässertemperaturen zu befürchten; dadurch werden Lebensräume und ganze Nahrungsnetze verändert; die ökologischen Optima vieler Arten werden verschoben oder sogar vernichtet.


Wegen des Frühjahrs-Niedrigwassers musste beispielsweise die Roos, ein Altarm des Rheins bei Düsseldorf, abgefischt werden. Die Wassertemperatur an der Messstation Düsseldorf-Flehe habe Ende Mai 21,5 C betragen. "Bereits Wassertemperaturen von mehr als 20 Grad können empfindliche Arten wie Lachsforelle und Äsche belasten. Barbe, Rotauge und Zander sind ab 25 Grad gefährdet." [Gerhard Voogt, www.rp-online.de, am 31.05.2011]


Bei Niedrigwasser werden nicht nur Fische, sondern auch Badende von allerlei Krankheiten und Ungeziefer befallen, die in dem erwärmten Wasser günstige Lebensbedingungen finden.

Bei Niedrigwasser legt der Rhein große Kiesflächen frei, die von weitem als Strände einladen. In unmittelbarer Nähe verbreitet der Rest-Strom aber einen infernalischen Gestank, der wohl auf die freigelegte abgestorbene organische Substanz zurückzuführen ist.


Freizeitfreuden


Schon der technische Gewässerausbau hat zu einer Austrocknung der Landschaft geführt: der totale Ausbau des Oberrheins führte zu "Grundwasserspiegelabsenkungen, Ausdörrung und Versteppung des ehemals fruchtbaren Umlandes. Der Aue wurde buchstäblich das Wasser abgegraben. Aus einer ehemals wasserreichen Stromlandschaft wurden auenfremde Dauertrockenstandorte, aus dem wilden Strom ein kärgliches Rinnsal." [Robin Wood Magazin 2002 Heft 1]

Eine Verschärfung der Niedrigwasser-Situationen erfolgt im Zusammenhang mit der wasserwirtschaftlichen Entnahme von Flusswasser. - Es ist wohl kaum möglich, in solchen Situationen Kraftwerke weiterzubetreiben, die im Vollastbetrieb große Mengen Kühlwasser benötigen. Gegen diese zusätzliche thermische Belastung des Rheins müssen Wärmelastpläne aufgestellt werden.





Hochwasser als Technikfolge




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