Der demografische Faktor


Die Demografie ist ein ökologischer Faktor, der auch für andere Lebewesen ermittelt wird.
Schimpansen leben in dichteren Populationen (3 – 4 Individuen pro km²) und in größeren Arealen als Gorillas und können demnach eine Gesamtpopulation von deutlich über 1 Mio. Individuen erreichen gegenüber nur 70000 Gorillas [McEvedy/ Jones 1978].

Die Demografie von Populationen hängt also auch damit zusammen, ob sich das Umfeld mit seinen Ressourcen für sie als tragfähig erweist oder für ihre physiologischen und anderen Ansprüche tragbar erscheint.


Die erstaunliche Verlängerung des Lebensalters bzw. der Lebenserwartung des heutigen Menschen im Vergleich zur Vorgeschichte ist hauptsächlich durch Vermeidung der Ursachen eines vorzeitigen Todes erreicht worden.
Diese Ursachen waren
1. eine hohe Kindersterblichkeit von 30 - 40 % ähnlich wie in der Tierwelt,
2. die Gefahren der Wildnis, die das Durchschnittsalter der Vorzeit auf unter 30 Jahre drückten.
[Scott/ Duncan 2002, Ch.17]

Der Schutz des Lebens durch Medizin und andere kulturelle Einrichtungen ermöglicht nun das nahezu vollständige Überleben der menschlichen Populationen mindestens bis zum Beginn des Alterns ab etwa 60 Lebensjahren.


Aber auch die Bevölkerungsentwicklung der zivilisierten Menschheit erfolgte nicht gleichmäßig, sondern in Zyklen, die von Hunger, Kriegshandlungen und Krankheiten bestimmt waren.

Infektionskrankheiten und Pandemien als wichtige demografische Einschnitte konnten seit dem Beginn des 20. Jh.s eingedämmt werden. Die durch sie verursachte Mortalität konnte auch durch eine verbesserte Versorgung und die dadurch erhöhte Widerstandskraft verkleinert werden.

Ein Auftreten bisher unbekannter Infektionskrankheiten hängt mit dem Vordringen stark wachsender menschlicher Populationen in andere Lebensgemeinschaften zusammen.
Ein neuer, vorher seltener Kontakt mit Trägern von Krankheitserregern war zweifellos seit jeher die Ursache großer Seuchen.

Mehr als die Hälfte der neu auftretenden Infektionskrankheiten seit den 40er Jahren waren Zoonosen, d.h. von Wirbeltieren übertragene Erreger [Begon et al. 2017].


Ein allgemeiner Mangel und akute Hungerperioden wirken sich vor allem auf die Kinder aus und können diese auch langfristig schädigen.

Während der Hungersnot in Bangla Desh 1974 - 75 trat die größte Zunahme Gestorbener bei Säuglingen bis zu 2 Jahren auf, dann bei Kindern unter 9 Jahren und schließlich bei den Altersgruppen über 45 Jahren.
Geschlechtsspezifisch waren besonders die Mädchen unter 10 Jahren und bei den Erwachsenen über 25 Jahre die Männer betroffen.
[Scott/ Duncan 2002, Ch.4]


Auf jeden Fall gilt die Regel, dass die Kindersterblichkeit die größte Auswirkung auf die demografische Entwicklung hat - speziell in Krisensituationen -, aber wohl auch die Müttersterblichkeit.

Die Ernährung der Mutter und ihre Nährstoffreserven im Fettgwebe auch noch nach der Geburt haben einen entscheidenden Einfuss auf Fruchtbarkeit und Kindersterblichkeit.
Mangelernährung kann die Schwangerschaft unterbrechen oder schwächliche Kinder hervorbringen, die beispielsweise besonders anfällig für Infektionskrankheiten sind.
Schon eine Mangelernährung der weiblichen Neugeborenen ebenso wie der erwachsenen Frauen soll deren Nachwuchs zu schwacher Kondition und Krankheitsanfälligkeit konditionieren.
[Scott/ Duncan 2002, Ch.18]

Ein durch übergroßes Bevölkerungswachstum verursachter chronischer Mangel könnte sich nachteilig auf die gesamte menschliche Konstitution auswirken.

Doch scheinen sich diese Schädigungen tatsächlich nur bei einem kleinen Prozentsatz der Unterernährten durchzusetzen. Martín Capparrós rechnet mit 2 Milliarden mangelernährten Menschen; allein der Mangel an Kalorien und Proteinen in der frühesten Entwicklung führe jährlich bei 20 Mio. Menschen zu irreparablen Schäden [Caparrós 2015]. Hinzu kommen die Defizite an wichtigen Vitaminen und Mineralstoffen. Auch diese Zahlen der Geschädigten unterliegen wahrscheinlich einem ständigen, akkumulierenden Wachstum.




Der Wachstumsfaktor der Weltbevölkerung für einen bestimmten Zeitraum ergibt sich aus Geburtenrate minus Sterberate in %. Hinzu kommen bei regionaler Betrachtung noch Zu- und Abwanderungen.

Anhand dieser prozentualen Zuwachsrate lässt sich die Verdoppelungszeit einer Population in Jahren abschätzen.
Bis ins 17. Jh. belief sich diese wegen der hohen Sterblichkeit auf hunderte und tausende von Jahren [Brockhaus 2007]. Doch schon bei jährlichen Vermehrungsfaktoren von weniger als 1 % reduziert sich die Verdoppelungszeit der Weltbevölkerung auf 100 Jahre, weil sich die Zuwächse akkumulieren.


Sollte Interesse an dem rein zahlenmäßigen Wachstum einer Population bestehen ohne Interesse an ihrer oder der sie umgebenden qualitativen Natur, muss die Rechnung nach Art des Zinseszinses oder der betrieblichen Kalkulation mit Hilfe des Aufzinsungsfaktors (1 + x/100)n erfolgen. Dabei ist x die Zuwachsrate oder der Wachstumsfaktor und n der Zeitraum in Jahren.




Wenn die Populationsgrößen eines vergangenen ( P0 ) und eines späteren Zeitpunktes ( Pn ) bekannt sind, kann die durchschnittliche jährliche Vermehrungsrate durch Wurzelziehen auch zurückverfolgt werden.





Zunahme der Weltbevölkerung


Schon in dem Zeitraum zwischen 1650 und 1900 hat sich die Weltbevölkerung auf 1,6 Milliarden mehr als verdreifacht.
"Damals nahm sie um 0,7 bis 0,8 % jährlich zu, was einer Verdopplungszeit von etwa 100 Jahren entspricht." [Wikipedia 2018]

Die relativ starke Zunahme der Weltbevölkerung seit dem 18. Jh. kann mit dem von Westeuropa ausgehenden Welthandel und den sich daraus ergebenden Innovationen in Verbindung gebracht werden. Doch erst in der zweiten Hälfte des 20. Jh. hat sich eine weltweite technologische Vernetzung durchgesetzt, die offenbar ein maximales Bevölkerungswachstum ermöglicht.

Der maximale Vermehrungsfaktor der Menschheit von rund 2 % mit einer Verdoppelungszeit von nur noch 35 Jahren war 1970 bei einer Weltbevölkerung von 3,7 Mrd. Menschen erreicht [Brockhaus 2007].


Zwischen 1995 und 2000 belief sich die Zuwachsrate auf 1,35 %, was einer Verdoppelungszeit von 58 Jahren entsprach. "Die durchschnittliche jährliche Wachstumsrate der Bevölkerung für 1995-2000 betrug in Afrika 2,41 %, in Mittel- und Südamerika 1,69 %, in Asien 1,41 %, in Australien und Ozeanien 1,37 %, in Nordamerika 0,9 % und in Europa -0,04 %.” [Brockhaus 2007]


Bei einer Zuwachsrate von 1,14 %, wie sie für die Weltbevölkerung 2006 geschätzt wurde, läge die Verdoppelungszeit bei etwa 50 Jahren, bei einer Zuwachsrate von 3,5 %, wie sie in einigen Ländern sogar überschritten wird, liegt die Verdoppelungszeit nur noch bei 20 Jahren. [Wikipedia 2018]


Das ständige starke Bevölkerungswachstum der Gegenwart ist evident. Die Erfahrung einer Übervölkerung ruft die malthusianischen Angst vor einer ständigen Zunahme der armen Bevölkerungsteile hervor, vor allem aber vor Hunger und Elend als Regulativ oder negative Rückkopplung der menschlichen Entwicklung und Fruchtbarkeit.

Die Auffassung des Thomas Robert Malthus von einem verhängnisvollen “Bevölkerungsgesetz” der Verelendung wurde von John Stuart Mill 1848 ("Principles of Political Economy") mit dem Gesetz vom abnehmenden Bodenertrag bekräftigt [Wikipedia 2018].

Diese Gesetze beruhen auf der Grundannahme, dass Menschen ähnlich wie niedere Tiere jede sich bietende Gelegenheit und jede Pissecke dazu nutzen, sich zu vermehren.

Dabei ist wenig tröstlich und vielleicht sogar besonders bedrohlich, dass die dicht bevölkerten Industrieländer inzwischen eine Stagnation ihrer Populationen erreicht haben, das eigentliche Bevölkerungswachstum aber in armen und unterentwickelten Ländern stattfindet, die bereits jetzt einen Anteil an der Weltbevölkerung von weit mehr als 80 % in Anspruch nehmen.

Für das Jahr 2050 wird eine Weltbevölkerung von mehr als 9 Mrd. Menschen prognostiziert, von denen 86 % in den nicht industrialisierten Ländern leben. [Brockhaus 2007]


Die wirkliche Bevölkerungsstruktur weltweit, die sich deutlich von den von älteren Jahrgängen dominierten Gesellschaften Europas unterscheidet, lässt sich anhand der Durchschnittsalter in folgender Tabelle ablesen:


Jahr Bevlk. Mrd. Wachst. % Zuwachs Mio. drchschn. Alter
1950 2,53 1,8 47,1 23,5
1960 3,03 1,9 60,6 22,7
1970 3,69 2,0 76,0 21,5
1980 4,45 1,8 82,9 22,6
1990 5,32 1,5 84,2 24,1
2000 6,13 1,2 77,3 26,3
2010 6,92 1,2 81,7 28,5

[Wikipedia 2018]


Sehr große Populationen müssen zwangsläufig ein größeres Bevölkerungswachstum hervorbringen als kleine; ebenso müssen jugendliche Populationen einen stärkeren Zuwachs haben als überalterte.
Dadurch wird die Bevölkerungskontrolle in den zunehmend verarmenden nicht-industrialisierten Ländern erschwert.

Die zukünftige Dynamik des Bevölkerungswachstums beruht zwar auf der Zahl der jüngeren Jahrgänge. Diese sind aber jenseits ihrer sexuellen Reproduktion wirtschaftlich wahrscheinlich weniger produktiv als die mittleren und vielleicht sogar die älteren Jahrgänge.

Infolge des hohen Anteils junger Jahrgänge wird sich die Bevölkerung Afrikas sogar bei minimierten Geburtenraten bis 2100 linear vergrößern (auf 3,5 Mrd.) und damit fast verdreifachen, die Bevölkerung Asiens sich aber möglicherweise schon bis 2050 stabilisieren (bei > 5 Mrd.) und dann zurückgehen [Begon et al. 2017].


Ein fast nie berücksichtigter Aspekt des demografischen Übergangs ist, dass es in seiner Endphase mit nach verminderten Sterberaten und dann auch stark verminderten Geburtenraten zwangsläufig durch Überalterung wieder zu sehr hohen Sterberaten kommen muss, was schon heute in verschiedenen Ländern Europas und in Russland dokumentiert wird. Eine hohe Sterberate kann also auch durch allgemeine Gesundheit und eine hohe Lebenserwartung verursacht werden.

Auf der anderen Seite besteht immer noch die pessimistische Auffassung, dass es noch nie in der Menschheitsgeschichte zu einer Geburtenreduktion "aus freiem Entschluss" gekommen sei [Begon et al. 2017]. Eine hohe Geburtenrate kann durch Krankheiten wie der immer noch hohe Sterberaten verursachenden Aids-Pandemie und durch um sich greifende Gewalt erkauft sein.




Quellenangaben


C. McEvedy/ R. Jones: Atlas of World Population History. London, 1978.

Susan Scott/ Christopher Duncan, Liverpool: Demography and Nutrition - Evidence from Historical and Contemporary Populations. Oxford, 2002.
- Ch.4: Famine
- Ch.17: Ageing
- Ch.18: Conclusions

DER BROCKHAUS multimedial premium 2007. Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG, 2007.
- Artikel "Bevölkerungsentwickung"
- Tabelle "Weltbevölkerung in Vergangenheit und Zukunft"

Martín Caparrós: Der Hunger. Berlin, 2015.

M. Begon/ R.W. Howarth/ C.R. Townsend: Ökologie; 3.Aufl.. Berlin/ Heidelberg, 2017. [Kap.14]

Wikipedia-Artikel "Bevölkerungsentwicklung"; Stand: Juni 2018.