Eine Aufteilung der darwinistischen Hypothese des Fortschritts durch Anpassung auch auf nicht-biologische Bereiche ist durchaus möglich:

  1. Evolution der körperlichen Eigenschaften wie von Darwin beobachtet;
  2. Evolution der intellektuellen und psychischen Eigenschaften;
  3. Evolution der technischen und sozialen Ausstattung.

Die beiden letzten Erscheinungsformen scheinen nur beim Menschen in solch ausgeprägter Form vorzukommen.
Der Reiz vieler Organismen ist aber gerade, dass sie keines Fortschritts bedürfen, sondern eine gleichsam statische Existenz einnehmen: der Wuchs eines Baumriesen, Fischschwärme und Vogelkolonien, die erstaunlichen Tierherden noch in den kältesten Zonen der Erde ...


Pflanzliche Gewebe ohne zentrales Nervensystem und Bewegungsapparat haben sich in eine andere Richtung entwickelt und sind vielleich noch nicht so komplex und differenziert wie die tierischen.

Theodor Fechners Gerede über eine Blumenseele ("Nanna oder über das Seelenleben der Pflanzen". Leipzig, 1848.) ist nur sehr unverbindlich. Es zeugt von einem noch wenig entwickelten Verständnis der wirklichen Potenzen nichtmenschlichen Daseins. Existierte dieses nicht in größter Vollkommenheit schon vor Erscheinen des Menschen?

Fechner breitet hingegen eher unhaltbare vermenschlichende Vorstellungen aus wie etwa, dass Blumen über ihren Geruch miteinander kommunizieren. Doch legt er dem Leser auch die korrekte Grundbeobachtung nahe, dass Pflanzen durch ihren stofflichen Austausch mit der Umwelt zu 'Empfindungen' (Reizverarbeitung, physiologische Reaktionen und Präferenzen) fähig sein müssen.


Meistens möchte man aber seine Rückschlüsse als Märchen abtun, denn allzu allerliebst fügt sich da alles mit Gewalt zusammen. So absurd wie gefährlich ist ein fundamentalistischer Gedanke, den er immer wieder vorbringt, als würde ihm dieser von seinem Beichtvater diktiert. Und dieser Leitgedanke schwingt selbst in den aktuellsten naturwissenschaftlichen Forschungen noch mit.

Es sei nämlich die Bestimmung der Natur und der Pflanze, einen bestimmten Zweck zu erfüllen, wohl vornehmlich den als Nahrung und Rohstoff für die Menschheit: "Nirgends scheint es der Natur schade um eine Pflanze, wenn es gilt, durch sie einen Zweck für Menschen und Tiere zu erfüllen." [Fechner 1848]

Die Ökologie der Umwelt soll also nicht weiter interessieren, Bedeutung soll nur die Ökologie des Autofahrers haben.


Natürlich sehen wohl die meisten Organismen in ihrer Umwelt nur den einen Zweck, sie selbst am Leben zu erhalten.
Was aber, wenn die Katastrophe eintritt, und sie dies nicht mehr kann?

Die Humangesellschaft sucht dann immer noch Zuflucht beim sozialdarwinistischen Determinismus, der sich oft genug sogar als Wissenschaft Geltung zu verschaffen vermag.

Manche akademische Theorie sieht in der Umwelt an sich eine Katastrophe, gegen welche sich Intellekt und gesellschaftlicher Organismus gemeinsam wehren müssen.


Doch lassen sich auch Evolutionstheorien begründen wie: "Die Emanzipation vom Diktat der Umwelt kennzeichnet weit mehr die evolutionäre Entwicklung als die Anpassung an die Umwelt." [Reichholf 1994, Einleitungstexte] Diese Emanzipation der Biologie, der Psyche, des Intellekts und der Kultur von der Umwelt kann aber keine vollständige Trennung sein.


Die Naturkraft der Evolution verfolgt keinen Zweck mit "Um-zu-Sätzen" wie der arbeitende und denkende Mensch, der den evolutionären Zustand fast immer einer negativen und subjektiven Beurteilung unterzieht. Dem subjektiven Zweck kommt zumeist die Katastrophe zuvor, welcher menschliche Biologie, Psyche und technologische Fähigkeiten begegnen müssen. Evolution ist nur der objektive Zweck.


Ebenso wie sich Stasis und Störung abwechseln, gibt es unterschiedliche Typen der Anpassungsfähigkeit. Evolutionäre Anpassung an häufig wechselnde Bedingungen wäre das Prinzip, dem die Ratte folgt. Evolutionäre Anpassung an eine bestimmte stabile Umwelt wäre das Prinzip, dem der Hai folgt. [McNeill 2000]

Die "Strategie der Haie" manifestierte sich in statischen sozialen Ordnungen wie sie manche feudale Systeme aufwiesen und verlangte Verhaltensweisen wie "Konservatismus, Traditionalismus und Orthodoxie" [McNeill 2000].

Doch im 20. Jh. kam es zu einem gefährlichen Bruch zwischen statischen Gesellschaftsordnungen und "einer immer instabiler werdenden globalen Umwelt".

In einem Umfeld des ökologischen und ideologischen Katastrophismus wäre also die 'Strategie der Ratte' besser geeignet!

John McNeill nimmt an, dass der Mensch zur Anpassung an beide Umstände fähig sei.

Es wäre sogar denkbar, dass sowohl die Strategie der Haie, als auch die der Ratte, als auch die des angeblichen Allrounders Mensch die natürliche Umwelt destabilisieren und neue Anpassungen erfordern.

Die zukünftige gesellschaftliche Evolution muss durch Integration anderer Arten in die Richtung dezentraler stabiler Strukturen des Stoffaustauschs gehen, während die sich abzeichnende Entwicklung zu durch künstliche Intelligenz kontrollierten, zentralisierten Systemen äußerst risikoreiche Kommandostrukturen erzeugt.



Quellen


Theodor Fechner: Nanna oder über das Seelenleben der Pflanzen. Leipzig, 1848.

Josef H. Reichholf: Der schöpferische Impuls - Eine neue Sicht der Evolution. München, 1994 (Taschenbuch).

John R. McNeill: Blue Planet - Die Geschichte der Umwelt im 20. Jahrhundert. Bonn, 2005. (Originalausgabe "Something New Under the Sun", 2000.)